Die Tara klaut den letzten Küstentag
Budva · Tara-Canyon · ordentlich durchgespült, sehr zufrieden






Der Vortag hatte eine sehr professionelle Paragliding-Absage geliefert: Berge, Wind, schnelles Wetter und ein Mensch, der weiterhin mit allen Knochen im Original-Abo am Boden stand. Tag fünfzehn brauchte eine bessere Antwort. Die Tara lieferte.
Um sieben Uhr morgens fuhr ich mit dem Bus aus Budva los. Dreieinhalb Stunden später war aus Küste Wald geworden, aus Promenade Fels, und überall lag dieses fast verdächtig türkisfarbene Wasser, das Montenegro offenbar in einer geheimen Farbabteilung mischt. Die Tara ist nicht nur hübsches Wasser für Postkarten: Der Canyon ist ungefähr 82 Kilometer lang, fällt stellenweise rund 1.300 Meter tief ab und gilt oft als tiefster Canyon Kontinentaleuropas. Der letzte Abschnitt bildet außerdem die natürliche Grenze zwischen Montenegro und Bosnien und Herzegowina — eine ziemlich dramatische Art von Geografie, zu sagen: bitte sauber paddeln.
Vor dem Fluss kam das Frühstück. Domaći sir, pršut, Brot und die stille balkanische Gewissheit, dass niemand in Stromschnellen darf, ohne vorher ordentlich gefüttert worden zu sein. Schon die Busfahrt half: große Ausblicke, kleine Gespräche und das gute Durcheinander aus Nationalitäten und Sprachen, aus dem langsam eine Crew wurde.
Auf dem Wasser war die Tara glasklar, kalt und vollkommen uninteressiert an meiner Komfortzone. Die stärksten Stromschnellen sind nicht auf den Fotos, weil die Kamera und ich eine kurze strategische Sitzung hatten und beschlossen: Überleben ist später fotogener. Die eigentliche Herausforderung war weniger heroisch, aber sehr real: die schnellste Sprache für Anweisungen zu finden — Englisch, Deutsch, Kroatisch, Schwedisch und Handzeichen, die meistens „jetzt paddeln, Philosophie später“ bedeuteten.
Nach drei Stunden Rafting kam die Belohnung: frischer Flussfisch mit Kartoffeln und Salat. Ein einfacher Teller, aber nach kaltem Wasser und Stromschnellen schmeckte er, als wäre ein Michelin-Stern in eine Berghütte gefallen und hätte beschlossen, sich zu entspannen.
Zurück in Budva schloss der Abend mit einem letzten Kaffee am Strand. Die Rückreise lag noch vor mir, aber das fühlte sich an wie der süße Punkt am Ende des Solo-Abenteuers: Paragliding blieb am Boden, der Fluss übernahm das Drehbuch, und Montenegro bekam noch eine letzte Chance anzugeben, bevor es wieder nach Norden ging.